Dieses Lage- und Stimmungsbild gab es bisher noch nicht: Erstmalig haben das Agrar- und Ernährungsforum Nord-West (AEF) mit Sitz in Vechta und die Unternehmensberatung RSM Ebner Stolz Management Consultants mit Sitz in Frankfurt am Main einen „Zukunftskompass Agrar & Ernährung“ erstellt.
Im Fokus steht Nordwestdeutschland, aber auch der Rest des Landes soll inspiriert werden. Eine näher betrachtete Branche: die Fleischwirtschaft.
RSM-Partner Klaus Martin Fischer erläutert: „Ziel war keine abstrakte Analyse, sondern ein fundiertes, differenziertes und praxisnahes Lage- und Stimmungsbild.“ Der Zukunftskompass solle ein „Kompass für Orientierung, Dialog und strategische Erneuerung“ sein.
Die Grundlage dafür lieferten zahlreiche Gespräche mit Entscheidungsträgern entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Darunter waren zum Beispiel Peter Wesjohan, Vorstandsvorsitzender der PHW-Gruppe, Stefan Wernsing, Geschäftsführer der Wernsing Food Family, und Tobias Flerlage, Geschäftsführer der Goldschmaus Gruppe. Die Autoren sprechen von weit mehr als 100 einbezogenen Unternehmen.
Abgerundet wurden die Interviews durch ein Werkstattgespräch und ein Treffen am Runden Tisch. Am Ende des Erstellungsprozesses wurden vier strategische Stellhebel deutlich.
Erster Stellhebel: Kostenmanagement werde immer mehr zum Maßstab. Automatisierung, Digitalisierung und globale Arbeitsteilung müssten dabei als strategisches Prinzip verstanden werden – nicht als Sparprogramm. 80 Prozent der befragten Unternehmen investieren in Automatisierung, doch 60 Prozent bewerten den Fortschritt als zu langsam. Und 52 Prozent bemängeln fehlende Strategien und Zuständigkeiten.
Fokussierte und mutige Strategiearbeit sowie sinnstiftende Führung mit Haltung sind laut Zukunftskompass weitere strategische Stellhebel. Der vierte Stellhebel: Allianzen. Kooperation ersetze Konkurrenz. Das gemeinsame Nutzen von Ressourcen, Technologien und Absatzkanälen schaffe Effizienz und Innovationskraft.
Für den Zukunftskompass wurde die Fleischwirtschaft besonders gründlich betrachtet. An ihr zeige sich die „Fragilität zwischen Kosten, Mengen und Konsum“, heißt es im Zukunftskompass.
Zwar habe der zuletzt rückläufige Schweinepreis kurzfristig die Verarbeiter entlastet, aber die Lage bleibe angespannt. Die Autoren begründen das mit rückläufigem Fleischkonsum, verschärftem Preisdruck durch den Handel und anhaltend hohen Kosten etwa für Energie, Personal und Logistik. Zum Beispiel nannten 62 Prozent der befragten Unternehmen die Energiekosten und 59 Prozent die Rohstoffpreise als größte Belastung.
Doch über allem thront die Bürokratie. Stefan Wernsing formulierte am Runden Tisch: „Das ist das größte Hemmnis, das wir in Deutschland haben – und es wird uns im internationalen Vergleich zunehmend zum Nachteil.“ 80 Prozent der befragten Unternehmen bezeichneten den Regulierungsdruck als zentrale Innovationsbremse.
Im Rindfleischmarkt sei die Preisgrenze erreicht und ein einmal verlorener Konsument nur schwer zurückzugewinnen, so der Zukunftskompass. Als ein Hoffnungsschimmer wird der Geflügelfleisch-Sektor ausgemacht.
In dem Zukunftskompass geht es unter anderem auch um „Unsicherheiten durch Ernährungsempfehlungen“. Hintergrund: Im Oktober hatte die EAT-Lancet-Kommission Empfehlungen zur Planetary Health Diet veröffentlicht. Die Forscher raten unter anderem zu weniger tierischen Produkten und mehr pflanzlicher Vielfalt. Aufgrund des Austausches mit den Akteuren der Wertschöpfungskette kommen die Autoren des Zukunftskompasses zu dem Schluss: Die eigentliche Herausforderung sei die „gesellschaftliche Übersetzung“. Ernährungsempfehlungen müssten „konsistent, machbar und sozial verankert“ sein. Widersprüche zwischen Gesundheitszielen, Nachhaltigkeitsanspruch und Marktmechanismen müssten ausbalanciert und dürften nicht verschärft werden.
Zugleich hält der Zukunftskompass fest: Unternehmen der Fleischwirtschaft „spüren, dass Fleisch wieder stärker als hochwertiges Lebensmittel wahrgenommen wird“. Das gelte vor allem für jüngere Zielgruppen.
Tierwohl, Klimaschutz und Ernährungssicherheit würden rationaler diskutiert – „faktenbasiert statt emotional aufgeladen“. Das erkläre sich auch mit dem Sparzwang vieler Verbraucher.
Der Zukunftskompass benennt die Probleme, mit denen die nordwestdeutsche und deutsche Agrar- und Ernährungsindustrie konfrontiert ist. So habe der Regulierungsdruck in den letzten Jahren ein „Rekordniveau“ erreicht. Der Zukunftskompass betont nichtsdestotrotz: Diese Branche sei eine „Herzkammer Deutschlands“. Unter den industriellen Kernsektoren der Bundesrepublik belege sie nach der Automobil- und Maschinenbauindustrie den dritten Rang. Doch diesen Rang zu verteidigen, fällt nicht leicht.
Das liegt nicht zuletzt an der Marktmacht des Lebensmitteleinzelhandels, die aus Sicht fast aller befragten Unternehmer die Branchenlogik stärker als jede andere Kraft bestimmt. Härtere Konditionen, extrem lange Zahlungsziele und steigende Werbekostenzuschüsse seien zum Standard geworden. 28 Prozent der befragten Unternehmer sehen den Druck durch Handelspraktiken – insbesondere über Eigenmarken und Preisaktionen – als eine der größten Belastungen für ihre Wettbewerbsfähigkeit.
Trotz aller Probleme und Herausforderungen, AEF-Vorstandsvorsitzender Sven Guericke bleibt zuversichtlich: „Der Zukunftskompass macht deutlich, wie viel Potenzial in unseren Unternehmen steckt. Mit klarer Orientierung und starken Netzwerken können wir den notwendigen Aufbruch gemeinsam vorantreiben.“